Gesundheitsversorgung in Sambia - einige Erfahrungen

Die aktuelle gesundheitspolitische Debatte um eine Prioritätensetzung bei der Leistungserbringung in Deutschland hat mich dazu veranlasst meine bisherigen Erfahrungen und mein Wissen über das sambische Gesundheitssystem zu sammeln und zu reflektieren um euch einen kleinen Einblick zu geben wie es auch zugehen. Als aller erstes: Nein – Sambia ist noch nicht soweit sich über künstliche Hüftgelenke Sorgen zu machen, was bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 40 Jahren (WHO 2006) sicher nicht verwundert.
Zudem gilt in Sambia die Körperfülle einer Person als Statussymbol, soll heißen, je mehr eine Person auf die Waage bringt umso wohlhabender ist sie und umso mehr wird sie unter Umständen angesehen. Das Schönheitsideal ist ein anderes und einige Frauen weigern sich sogar Sport zu treiben aus Angst abzunehmen.

Im Gegensatz zu Deutschland besteht die Hauptkrankheitslast in Sambia nicht in chronischen Erkrankungen, sondern hauptsächlich in vermeidbaren und behandelbaren Infektionskrankheiten, wie sexuell übertragbaren Infektionen (Tripper, Syphilis), HIV und AIDS, Tuberkulose, Diarrhö oder Malaria. Dennoch ist in den letzten Jahren die Anzahl derer gestiegen, die unter Diabetes 2 und Bluthochdruck leiden. D.h. das sambische Gesundheitssystem wird in den kommenden Jahren einer Doppelbelastung ausgesetzt sein, mit den Infektionskrankheiten auf der einen und den chronischen „Zivilisationserkrankungen“ auf der anderen Seite.
Die Müttersterblichkeit lag bei 750 pro 100.000 Geburten und die Kindersterblichkeit (0-5 Jahre) 182 pro 1.000 Lebendgeburten im Jahr 2004. In seinen Grundzügen ist das Gesundheitsprofil also ganz anders als das in Deutschland und hat mit anderen Herausforderungen umzugehen als wir.

Die Vision der sambischen Regierung ist es ein Gesundheitssystem zu schaffen, welches jedem Bürger einen gleichberechtigten Zugang zu einer kosteneffektiven und qualitativen Gesundheitsversorgung ermöglicht. Aus diesem Grund fand 1992 eine grundlegende Gesundheitsreform statt, welche hauptsächlich durch Dezentralisierungsmaßnahmen geprägt war. Es wurden sogenannte Central Boards of Health (CBOH), District Health Boards (DHB) und Hospital Management Boards (HMB) gegründet, an welche die Planung und das Management sowie die Entscheidungsgewalt über Gesundheitsdienste delegiert worden sind. Sie sind sozusagen die Exekutive der Gesundheitspolitik, wobei die CBOH dafür zuständig sind die politischen Leitlinien des sambischen Gesundheitsministeriums umzusetzen. Für die regionale Gesundheitsversorgung und die Leitung der Krankenhäuser sind die DHB’s und HMB’s zuständig. (WHO 2000) So viel zur Vision und Theorie. Kommen wir zur Praxis:
Es wird geschätzt, dass ca. 99% der städtischen Bevölkerung und 50% der Landbevölkerung in einem Umkreis von 5km zu einer Gesundheitseinrichtung leben. Laut der WHO (2006) gab es im Jahr 2002 1264 Ärzte, 22010 Krankenschwestern und Hebammen, 491 Zahnärzte und Zahntechniker sowie 1039 Pharmazeuten. D.h. auf 1000 Menschen kommen 0,116 Ärzte, 2,015 Schwestern und Hebammen sowie 0,045 Zahnärzte und –Techniker.

In Sambia gibt es keine Krankenversicherung, die man abschließen könnte, so dass alle Kosten aus der eigenen Tasche gezahlt werden müssen. Nur Kinder bis zum 5. Lebensjahr werden kostenfrei behandelt – so fern es keine „exotischen“ Operationen oder Behandlungen sind oder das Krankenhaus nicht korrupt ist. Die Medikament sind allerdings selbst zu bezahlen. Für Entbindungen muss man grundsätzlich selbst die Instrumente mitbringen, die eine Hebamme benötigt, solche Dinge sind nicht selbstverständlich vorhanden. Familien, die weniger Geld zur Verfügung haben, bereiten daher z.B. Stoffstreifen aus Chitengematerial vor um die Nabelschnur zu trennen.

Hausärzte wie bei uns gibt es hier nicht bzw. nur wenig. Es gibt sogenannte „Health Clinics“ wo Krankenschwestern oder Health Officers arbeiten und „einfache“ Krankheiten wie Malaria, Durchfall, Hautreizungen, Erkältungen etc. behandeln. Falls das Krankheitsbild ernster sein sollte, erfolgt die Überweisung in ein Krankenhaus. In Chipata gibt es das „Chipata General Hospital“ (CGH), welches auch gleichzeitig das Provinzkrankenhaus ist, sowie „Mwamie“ – ein kirchliches Krankenhaus ca. 15-20km östlich von Chipata. Der Komfort in diesen Einrichtungen ist eher mit einem Feldlazarett zu vergleichen, d.h. Einzelzimmer oder Fernseher ist nicht. Ich hatte bis jetzt die Möglichkeit 4 Krankenhäuser teilweise zu besichtigen und Luxus konnte ich in keinem finden. Die meisten Zimmer haben 10 oder mehr Eisenbetten, wo es aber auch schon mal vorkommen kann, dass die Patienten neben anstatt in den Betten schlafen. Moskitonetze über jedem Bett sind keine Selbstverständlichkeit. Auf meine Nachfrage, wurde mir berichtet, dass es häufiger vorkommt, dass die Patienten diese „mitgehen“ lassen und somit aufgehört wurde in diese zu investieren. Nicht selten kommt es vor, dass ein Patient mit einer Krankheit in ein Krankenhaus kommt und mit einer anderen dieses wieder verlässt.


Wiegen und Messen im Aufenthaltsraum - um die Privatssphäre wird sich bei sowas keine Gedanken gemacht.

Das Chipata General Hospital hat scheinbar keine lokalen Betäubungsmittel zur Verfügung, so dass alle Behandlungen ohne diese vorgenommen werden. Als Beispiel dafür ein Vorfall, der wohl vor einigen Jahren passiert ist. Ein Kind ist hingefallen und hat sich die Handfläche aufgeschnitten, so dass die Wunde genäht werden musste. In ihrer Not wusste, die Familie nicht wohin und ist ins CGH gegangen. Dort musste sich der Vater auf den Jungen legen, damit dieser still hält und der Arzt die Wunde nähen konnte. Die Schmerzen können wir sicher nur erahnen…
Eine andere krasse Geschichte, die ich gehört habe ist, dass während einer OP plötzlich alle Krankenschwestern und ein Arzt, die Arbeit niedergelegt haben, weil es Mittagszeit war und sie erst mal essen gegangen sind. Der europäische Arzt, der ebenfalls zum OP-Team gehört hat, durfte also alleine weiter machen….Ich weiß nicht inwieweit diese Geschichte stimmt, aber vorstellen könnte ich es mir. Arzt, Krankenschwester oder Hebamme zu sein ist ein Statussymbol und wird in jeder Minute ausgelebt und propagiert. Manchmal oder öfter hat es den Anschein, dass der Beruf nicht aus Leidenschaft oder aus Güte ausgeübt wird sondern des Geldes wegen. Das ist ja prinzipiell kein Verbrechen, aber beim Umgang mit Menschen sollte schon Herz dabei sein. Manchmal kommt es mir so vor, dass fahrlässig mit der Gesundheit der Patienten umgegangen wird, was auch schon mal ein Leben kosten kann.

Naja - diese ganzen Horrorgeschichten veranlassen mich dazu jegliche medizinischen Einrichtungen bei persönlichen Beschwerden zu vermeiden. Soweit bin ich auch immer ganz gut mit meiner Reiseapotheke klar gekommen und ich hoffe, dass wird sich auch nicht mehr ändern.

Falls ein Patient Medikamente nach einer OP benötigt ist es seine Aufgabe diese zu besorgen. Hat er oder sie kein Geld – Pech gehabt. Als ich letztens in Lusaka war, habe ich ein von uns gefördertes Kind in dem größten Krankenhaus Sambias gesucht (und tatsächlich gefunden). Die Mutter hatte keinen Cent zur Verfügung und hätte ich ihr nichts gegeben hätte sie eben zusehen müssen wie sie zu Recht kommt.

Auch unter Hygiene und Ordnung versteht man hier etwas anderes. Anfang Februar hatte ich die Möglichkeit mir ein Labor in einem Krankenhaus anzuschauen – naja und die Sterilität, die wir aus Deutschland kennen, habe ich da nicht gefunden. Das erste was mir aufgefallen ist, war ein Föhn der auf einem der Tische lag. Später habe ich herausgefunden, dass damit improvisiert worden ist um die Malariatest durchzuführen, da das richtige Gerät kaputt war. Benutzte Handschuhe lagen einfach so rum und in dem Kühlschrank, in dem Blutkonserven aufbewahrt worden sind, sind diese zwar nach der Blutgruppe getrennt worden, aber der Rhesusfaktor wurde nicht beachtet. Auf meine Nachfragen, meinte einer der Verantwortlichen, dass die meisten Sambier sowieso den Rhesusfaktor positiv haben und deshalb darauf nicht so geachtet wird. Ich bin ja kein Experte aber eigentlich sollte man doch nicht mixen oder?


Im Labor

An Früherkennungsmaßnahmen bzw. Vorsorgeuntersuchungen gibt es die Antenatal Care (ANC) und die Under Five Clinic. Unter ANC sind die Leistungen der Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen zusammengefasst. Hier wird empfohlen, dass eine Frau während der Schwangerschaft viermal diese Leistung in Anspruch nimmt. Die Under Five Clinic ist für Kinder bis zum 5. Lebensjahr. Es wird empfohlen, dass die Eltern mit ihrem Kind einmal pro Monat diese Leistung nutzen um ihr Kind impfen zu lassen, das Gewicht zu überprüfen und ab einem Jahr regelmäßig zu entwurmen. Natürlich spielt auch die Überprüfung des HIV-Status eine wesentliche Rolle, wenn die Mutter positiv ist und gegebenenfalls der Beginn der Antiretroviralen Therapie.

Ein ganz großes Manko ist hier die häusliche Krankenpflege. Es gibt zwar einige Anbieter aber diese können den großen Bedarf keineswegs decken und sie arbeiten auch nicht zusammen. Der große Bedarf an häuslicher Krankenpflege ergibt sich aus der Anzahl der AIDS-Kranken, die v.a. in fortgeschrittenem Stadium von AIDS die Hilfe von anderen Menschen benötigen. Neusten Berichten zu Folge liegt die Prävalenz von HIV bei ca. 13 oder 14 %. Persönlich kann ich das aber nicht so recht glauben. In einem Gespräch mit einer Kinderärztin aus dem Krankenhaus, teilte sie mir mit, dass sie ca. 50-60% „ihrer“ Kinder positiv testen. Wenn diese Zahlen wirklich stimmen ist das eine Katastrophe.

Zum Schluss möchte ich euch noch eine kleine Fallgeschichte geben, die ich vor gut 4 Wochen erlebt habe. Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin, habe ich die Mutter eines unserer geförderten Kinder aufgesucht, da wir wussten dass sie begonnen hat ARV’s (Medikamente zu der Behandlung von AIDS) bei einem T-Helferzellenwert (CD4 account)von 6 µ/l Blut. Ein gesunder Mensch hat zwischen 6000 und 1200 µ/l wenn ich mich nicht irre. Das bedeutet, dass die Frau zu Beginn ihrer Therapie sehr geschwächt war und prinzipiell im Krankenhaus behalten hätte werden müssen. Dem war allerdings nicht so. Nachdem wir sie 2 Wochen nicht mehr gesehen haben, haben wir sie also gesucht. Gefunden haben wir eine Frau, die vor ihrer Hütte im Schatten lag, bis auf die Knochen abgemagert, unfähig sich aufzurichten. Unter Mühen, da sie zu allem Übel irgendwo im Busch gelebt hat, haben wir sie also in die Notaufnahme des Krankenhauses geschafft (hier noch etwas anderes: ich habe noch nie eine Ambulanz gesehen und ich glaube es gibt keinen Notruf), wo sie an den Tropf gekommen ist und eine Bluttransfusion veranlasst worden ist. Ihr Zustand hat sich verbessert, aber stabil war keines Wegs. Dennoch ist sie Dienstag entlassen worden. Unglaublich! Daraufhin wurde sie auf die Initiative des Centers Mittwoch wieder ins Krankenhaus gebracht, wo sie einige Tage später immer noch sehr geschwächt entlassen worden ist. Dann haben wir sie in das Krankenhaus 20 km von Chipata entfernt gebracht, wo sie leider einige Tage später verstorben ist. Zurückgelassen hat sie 4 Kinder, darunter ein 6 Monate junges Mädchen und ihren Ehemann.

Die Frage ist: Hätte die Frau überleben können, wenn einige Dinge anders gelaufen wären? Vielleicht. Zunächst einmal war es fahrlässig die Therapie bei einem Cd4 account von 6 zu starten. Die Frau hätte zunächst so stabilisiert werden müssen, da die Nebenwirkungen der ARV’s sehr stark sind und es nicht selten vorkommt, dass Patienten in Folge der ARV’s sterben, weil sie zu schwach sind, obwohl eigentlich das Gegenteil erzielt werden soll. Der nächste Fehler liegt in dem Krankenhaus, welches die Frau immer wieder entlassen hat, obwohl sie noch nicht über den Berg war. Die Fahrten aus und in das Hospital sind einfach zu anstrengend und schwächen eine Person noch mehr. Doch betrachten wir es genauer, war das alles nur die Spitze des Eisberges. Es gab keine pflegerische Unterstützung für die Frau zu Hause, die ihr hätte helfen können, die ersten Tage der Therapie zu meistern, das Selbststigma und die Stigmatisierung HIV positiv zu sein kamen noch dazu. Alles keine wirklich guten Voraussetzungen. Nun ja – aber das sind alles Dinge mit denen man bzw. ich lernt umzugehen und eben versucht im Kleinen etwas daran zu ändern.

Viele Grüße!
Kristin

Kommentare

  1. Klaus und Moni7. Juni 2009 um 11:10

    Liebe Kristin,
    mit großem Interesse lesen wir immer deine Einträge.
    Wenn man das liest, kann man erst mal schätzen, wie gut es uns hier in Deutschland geht.
    Wir schimpfen zwar immer auf unser Gesundheitssystem, aber trotzdem wird uns geholfen. So wie du das schilderst, kann zum größten Teil nur geholfen werden, wenn man Geld hat.
    Wir wünschen dir für die noch in Sambia verbleibende Zeit alles, alles Gute, vor allem aber Gesundheit.

    Liebe Grüße von Klaus und Moni

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  2. Hallo Tine, ja wir wollten uns auch mal bei Dir melden. Wir haben uns mal dein Blog angesehen und sind über deine Berichte und Bilder total begeistert, da wir ja auch die Möglichkeit hatten uns einige Projekte in Sambia anzusehen. Wir haben ja auch dein Projekt in dem du tätig bist sowie das Schulprojekt kennengelernt. Also wir hätten die Arbeit und die Lebensituation dort in diesem Land nicht besser beschreiben können. Und das schönste für uns ist, das wir uns in deine Berichte und Bilder reinversetzen können da wir es mit eigenen Augen erlebt haben. Also bleib weiterhin so fleißig mit deinen Blogeinträgen jetzt hast du zwei neue Fans für deine Seite und genieß noch die restliche Zeit dort und bleib gesund. Bestelle bitte auch deiner Gastfamilie ganz, ganz liebe Grüße von uns wir haben uns bei Dir und deiner Gastfamilie richtig wohl gefühlt und vielen Dank nochmal für eure Gastfreundschaft. Bis bald wir melden uns wieder Margit und Detti (die Eltern von Jule)

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